Bitte bleibe weiter geduldig.
Die Welt sortiert sich noch.
Das kann mal passieren.
Was sind schon 100 Jahre Forschung? Unsere Hochkultur testet nur gründlich, welche akademische Tradition erst unterdrückt, dann durch eine Naturkatastrophe vernichtet und anschließend als Archivfragmente auf dem gesamten Globus verteilt wurde.
Adequate Antworten brauchen Zeit.
Geben wir der Welt die Zeit.
Also, warum verbringen wir die Wartezeit nicht gemeinsam?
Und schauen dem ersten botanischen Garten Europas einfach dabei zu, wie er sich neu entdeckt?
.
Ein Garten träumt sich durch die Archive der Welt.
Er sucht nach seinen fragmentierten Quellen.
Nachdem der Giardino della Minerva gesehen hat, wie sein Wasserkreuz mit den Koordinaten 40°40'53"N 14°45'12"E exakt über das Wasserkreuz auf dem Voynich Folio 85v passt, sucht er in originalen Handschriften aus Salerno nach seinem Ebenbild.
Und er hat eine Blaupause gefunden. Ist das seine eigene, von der Topografie inspirierte, terrassierte Struktur in der Hanglage? Oder haben die Autoritäten aus Salerno ihre philosophischen Vorstellungen von der salernitanischen Medizin als Garten der 4-Elemente skizziert?
In der medizinischen Sammelhandschrift findet man auch:
- Nicolai Salernitanus: Antidotarium, cum glossis
- Trotula: De passionibus mulierum
- Antidotarius ‚Pomum ambrae‛
- Sextus Placitus Papyrensis: Liber medicinae ex animalibus
- Ps.-Aristoteles: Secretum secretorum
- Platearius: In Antidotarium Nicolai
- Aegidius Corbeiensis: De urinis, cum commento
Und wer beim digitalen Blättern durch die Sammelhandschrift genau hinschaut, wird das Basic-EVA-Alphabet in Zukunft neu denken.
Wer die beständige Terrassenstruktur (parcella, aiuola, terrazzamento/livello°) des Giardino della Minerva auf konkrete Simplica aus der Voynich-Sammlung untersuchen will, dem ist die süditalienische Quelle im Original empfohlen.
Der Giardino della Minerva will jetzt wirklich wissen, was seine Pflanzen und die Simplica aus der Voynich-Sammlung mit einer Operation gemeinsam haben.
Gönnen wir uns kurz eine neue Perspektive, ohne Dogma.
Eine, die keine Kriegsstrategien oder Militärcodes braucht.
Eine, die ohne Geheimoperationen auskommt.
Denn, die Voynich-Simplica wurden im Zusammenhang mit chirurgischen Eingriffen genutzt.
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Finden wir Übereinstimmungen in Referenzen für chirurgische Operationen mit Besteck und Anleitungen für Techniken zum sterilen Wundverschluss? Werden wir in der Voynich-Sammlung Narkosetechniken entdecken?
Die Darstellungen in der Sammlung sind mehrdimensional codiert, nicht nur auf pharmakologische oder botanische Informationen.
Manche Simplica werden zu Geomarkern.
Und andere, wie das Geißblatt (17v), zeigen es deutlich.*
*Sie tragen ein Operationsbesteck.
Nadel, Faden & Pinzette
In der Voynich-Sammlung trägt das Folio 17v (Caprifoglio Comune) ein golden schimmerndes, operationstechnisches Besteck. Sichtbar am Rankenende und am Übergang vom Stamm zur Wurzel.
INDIZ NUMMER 1
Merksatz:
Trägt ein Pflanzenteil eine chemische Signatur von Auro (Au), dann war es ganz sicher ein chirurgisches Besteck.
Die salernitanischen Autoritäten verwiesen mit einem Lehrsatz auf den Einsatz in der Chirurgie hin. Wir zitieren aus dem originalen Circa Instans:
"Wenn übrigens, aus medizinischen Gründen, dem Leidenden Verbrennungen zugefügt werden müssen, sind Geräte aus Gold viel besser als aus jedem anderen Metall. Weil so die Brandwunden weder zu Krebs noch zu Wundrose ausarten."
Pharmakologischer Einsatz:
Gold wurde durch Auskochung aus einer Erdader gewonnen. Es galt als gleichmäßig warm und trocken, ohne Grade. In Komposita fand Auro Anwendung als Goldspäne bei Symptomen der Herzerstickung, bei Wassereinlagerungen in den Beinen, bei Kreislaufproblemen und Ohnmacht.
Die Augenchirurgie, in der Costance Calenda die letzte bekannte weibliche Autorität mit Doktortitel war, verwendete Gold auch in Salben zur Entfernung der Augenhornhaut.
Die Methode, eine Pflanze mit chirurgischem Werkzeug zu markieren, ist von salernitanischer Praxis inspiriert.
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Schon die Autoritäten in Salerno versahen die Zeichnungen mit codierter Bildsprache in Form von Nadel und Faden. Schau dir den Ypoglossos aus dem Garten der Minerva mal genauer an.
Hast du Nadel und Faden schon entdeckt? Dann schauen wir uns direkt im Vergleich sein Pendant im Voynich an.
INDIZ NUMMER 2
Der Ypoglossos trägt in der Voynich Sammlung eine Narbe & ein exaktes Dosis-Protokoll.
Der Ypoglossos alias Bislingua oder Ruscus Hypoglossom trägt im Voynich auf Folio 38r eine Signatur, die Nadel & Faden hinterlassen, wenn sie zum Einsatz kommen.
Das Folio 38r tradiert eine Lerneinheit für einen operativen Wundverschluss, eine visuelle Nähanleitung.
Zudem spiegelt seine Pflanzendarstellung die ethische Verantwortung eines pharmakologisch, chirurgisch erfahrenen Kollektivs wieder.
Der Ypoglossos weist didaktisch auf die Exaktheit der Dosiswahl bei der Geburtenkontrolle hin.
Folio 38r ist ein Warnhinweis und ein genähtes Protokoll
Der Ypoglossos (f. 38r) spricht einen Warnhinweis auf eine gefährliche Überdosis (>5 Tropfen!) aus. Das sechste Zeichen der Überdosierung wurde chirurgisch entfernt und die Pergament-Leerstelle anschließend sorgfältig genäht. Selbst 100 Jahre später wird man in Deutschland (zum Beispiel bei Leonhard Fuchs), den Ruscus Hypoglossom noch mit der Überdosierung empfehlen.
Das Zungenblatt, Zäpfflinkraut oder der Mäusedorn, wie der Ypoglossos auf Deutsch auch genannt wird, eröffnet noch eine weitere Gedankenebene. Denn die Pflanzenwirkstoffe wirkten stark reinigend und lokal auch leicht sedierend. Durch die visuelle Codierung sowie einer schematischen Darstellung von Gebärmutter und Eierstöcken, wird deutlich, wie der Ypoglossom in der Gynäkologie genutzt wurde. Auf Folio 38r wird neben der Art, Wirkung und Dosierung auch ein tradierter Eingriff am Körper einer Frau visualisiert. Genäht mit mindestens drei bis vier Stichen und einem Seidenfaden, so wie Trota de Ruggiero schon 250 Jahre früher am selben Ort Dammrisse nähte.
Das Operationsbesteck wurde von den selben Frauenhänden berührt, die auch die hochwirksamen Pflanzen kultivierten und alles im Voynich-Ensemble verewigten.
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Wenn die Autoritäten chirurgisch erfahren waren und operierten, dann stellt sich eine weitere Frage.
Welche Simplica oder Komposita wurden für eine Betäubung oder Narkose genutzt? Finden wir auch Hinweise auf Hypnotika in der Voynich-Sammlung?
Im Mittelalter wurden Pflanzen fast überall in Europa gezielt zur Schmerzkontrolle während chirurgischer Eingriffe verwendet. Eine Betäubung konnte damals schon mit unterschiedlichen Rezepturen und Wirkstoffen durchgeführt werden. Auch die Darreichungsformen variierten. Man verabreichte einen Schlaftrunk (Pflanzenwirkstoffe in Wein) oder nutzte lokal betäubende Salben und Umschläge.
Und dann gab es in Süditalien einen Ort, der schon um 1100 eine tradierte Inhalationsnarkose praktizierte. Opio (Schlafmohn & Opium), Iusquiamus (Samen des weißen oder roten Bilsenkrauts) und Mandragora (Alraune), appliziert über einen Meeresschwamm auf dem Gesicht des Patienten, sedierte diesen kontrolliert.
In Salerno dokumentierten die forschenden Autoritäten unzählige, betäubend wirkende Simplica und deren Möglichkeiten. Und sie entwickelten Rezepte und Anwendungen mit einer eineindeutigen Signatur. Eine Pflanzensignatur, die bei der Wissensweitergabe schon im Alpenraum verloren ging.
Iusquiamus & Cassilagio
Das weiße Bilsenkraut zeigt, wie Wissen ohne medizinische Grundausbildung bei der Transkription verschwindet. Mit lebensgefährlichen Folgen.
INDIZ NUMMER 3
"Weißes Bilsenkraut" galt schon in der Antike als Narkotikum. Seine beruhigende, nicht berauschende Wirkung war im Gegensatz zum "Schwarzen Bilsenkraut" dosierbar.
Die Autoritäten in Salerno tradierten Iusquiamus & Cassilagio ausführlich, über Jahrhunderte hinweg. Insbesondere aufgrund der betäubenden und schmerzlindernden Wirkung, ohne Risiko von Nebenwirkungen wie Halluzinationen. Sie profilierten eine Inhalationstechnik, in der Iusquiamus ein Hauptbestandteil war. Und sie nutzten das Cassilagio für schmerzstillende und schlaffördernde Umschläge und Wickel.
Die Schule von Salerno war es auch, die im Medizinstudium und der Praxis explizit auf einen Lehrsatz verwies.
Merke dir:
Wenn Bilsenkraut verordnet ist, nimm nur die Samen vom Iusqiamus (yosom̄us zI) oder das Cassilagio (Blätter) vom weißen oder roten Bilsenkraut. Das schwarze Bilsenkraut ist tödlich.

Iusquiamus ist nicht gleich Iusquiamus.
In Salerno lernten die Studierenden über Merksätze das Regelwerk zur Auswahl von Pflanzenunterarten, deren Verarbeitung und Wirkung kennen.
Eine vollständige Ausbildung in der Simplicia-Lehre der Schola Medica, insbesondere im Circa instans und im Tractatus de herbis, schufen dieses Grundwissen, welches kontextunabhängig und ohne Ausnahme galt.
Die Protouniversität arbeitete mit einem Terminus für jedes Simplica.
Jede Autorität in Salerno wusste, wenn Iusquiamus verordnet wird, darf nur der weiße oder rote Bilsensamen verwendet werden.
Salernitanische Standardwerke wie der "Antidotarium Nicolai" setzten in Folge der medizinischen Ausbildung des regelbasierten Systems, den Terminus in der späteren Praxis als selbstverständlich voraus.
Der Wissenstransfer von Süd nach Nord scheiterte nicht an wirkungslosen Rezepten.
Er scheiterte an der fehlenden Grundausbildung der Übersetzenden. Alle Standardwerke der Schule von Salerno wurden regelmäßig innerhalb des Kollektivs kopiert und in unzählige Sprachen übersetzt, gegenseitig referriert.
Außerhalb der salernitanischen Rezeption wurde der Iusquiamus oft nur verallgemeinert, ohne Nennung der Unterart und der notwendigen Vorkenntnisse aus erweiterter Lektüre gelistet.
Aus dem weißen Bilsenkraut wurde allgemeines Bilsenkraut, manchmal sogar konkret die schwarze Unterart. Ein tödlicher Fehler.* Auch, weil das schwarze Bilsenkraut in mittel- und nordeuropäischen Ökosystemen viel einfacher zu finden und verfügbarer war.
*Dieser Fehler wird den Niedergang der Spongia Somnifera in Europa einleiten, obwohl diese nachweislich seit 1100 n. Chr. in Süditalien von studierten Autoritäten und in einem regelbasierten System erfolgreich praktiziert wurde. Hans von Gersdorff erwähnte den Schwamm 1517 noch in seinem „Feldtbuch der Wundtartzney“, doch kurz darauf häuften sich Berichte über letale Komplikationen und die Unvorhersehbarkeit der Wirkung.
Prof. Dr. Husemann thematisierte schon 1889, auf welchem hohem Niveau die Anwendung der Schlafschwammnarkose in Salerno bis ins 15. Jahrhundert tradiert war.
Genau deswegen steht der Iusquiamus (f. 3v) in der Voynich-Sammlung nicht zufällig in einer Reihe mit einem weiteren Sedativum (f. 6r).
Finden wir noch mehr Bestandteile der Schlafschwammrezeptur aus dem Antidotarium Nicolai in der Voynich-Sammlung?
INDIZ NUMMER 4
Der Iusquiamus teilt sich ein Pergament mit einem betäubenden Simplica.
Löst man die Bindung der Voynich-Sammlung auf*, wird auf demselben Pergament neben dem weißen Bilsenkraut der Schlafmohn als Opio (f. 6r) sichtbar. Beide waren Bestandteil der spongia somnifera in Salerno.
*Die Voynich-Sammlung zeigt zwei Hauptzutaten der tradierten, originalen salernitanischen Rezeptur der Schlafschwammnarkose auf einem Bifolio, direkt nebeneinander.
Was machte die Schlafschwammnarkose in Süditalien so erfolgreich?
Ein schmerzlindernder Bestandteil des Schlafschwamms ist auf Folio 6r zu finden, der Papaver mit beschnittener Samenkapsel. Auch in der spongia somnifera-Komposita bei Nicolai wird ein Einsatz von Opio (in Uncia oder mit o-Suffix in Granum) & die Samenkapseln des Papaver nigri (in Unciae oder mit o-Suffix in Granum) tradiert. Der Saft der unreifen Mohnkapseln blockiert die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Gehirn. Das Simplica f. 6r war das primäre Schmerzmittel in der Schlafschwammkomposition.
Damit der Patient nicht bei vollem Bewusstsein operiert werden muss, kam ein zweites Simplica ins Spiel, die Mandragora (in Drachme) auf Folio 13r. Die Alraune war der Hauptbestandteil der Komposita und förderte tiefen hypnotischen Schlaf. Sie enthält unter anderem Skopulamin, ein Alkaloid, das stark dämpfend und schlaffördernd wirkt. Es wirkt auch stark amnestisch, das heißt, der Patient hatte hinterher keine Erinnerung an den Eingriff. Ein unschätzbarer Vorteil, um Traumata zu vermeiden und auch praktisch für die Chirurginnen. Skopulamin dämpft sogar den Würgereflex bei den Patientinnen und Patienten.
Die Autoritäten in Salerno wussten auch, dass die Alraune allein nicht reicht. Der Iusquiamus (in Scrupolo oder als Ligaturen aus z & ẓ) auf Folio 3v enthält ähnliche Akaloide und diente als Stabilisator in der Komposita. Zusammen ergeben die drei Simplica ein Schmerz-, Schlaf- und Amnesiemittel.
Um unkontrollierte Bewegungen, ein Zucken oder Abwehrreflexe durch Schmerzreize zu verhindern, wurde ein viertes Simplica hinzugefügt. Cicuta di Socrate (lost Folio 12v) in Uncia. Gefleckter Schierling hat keinerlei schmerzlindernde Wirkung und ist auch hochtoxisch. Seine Aufgabe bestand in der Blockierung der neuromuskulären Übertragungen, in der Lähmung der Muskulatur.
Roter Storax, ein aus Kalabrien stammendes Gummiharz eines Baumes, stabilisierte die Rezeptur für eine Anwendung im Kopfbereich und wurde in Uncia oder Granum mit o-Suffix tradiert. Alles zusammen wurde in 2 Librae Öl angesetzt.
Die exakte Rezeptur wurde im Oleum mandragoratum (Antidotarium Nicolai) tradiert. Die Schola Medica arbeitete mit einem System aus 4 Komponenten: Analgesie, Hypnose, Amnesie und Muskelrelaxation. Eine standardisierte Methode.
Die Anwendung des Schlafschwamms folgte in Salerno einem streng definierten Protokoll:
Die Sättigung
Ein frischer Schwamm aus dem Meer wurde in eine wirkstoffgesättigte Öl-Lösung getaucht. Diese Lösung befand sich in einem Kupfertopf. Die Mischung bestand aus Mandragora, Papaver nigri, Iusquiamus und Cicuta di Socrate, aber auch Opio (hergestellt aus weißen Mohn) und Storax, ein fein aufeinander abgestimmtes System.
Die Konservierung
Der getränkte Meeresschwamm wurde im Sonnenlicht für 10 Tage getrocknet. In diesem Zustand konnten die Wirkstoffe über Monate stabil gelagert werden, was auch für durchreisende Chirurgen von großer Bedeutung war.
Die Applikation
Vor der Operation wurde der Schwamm kurz in heißes Wasser getaucht oder über Wasserdampf gehalten, um die Alkaloide zu verflüchtigen. Der warme, feuchte Schwamm wurde dem Patienten fest auf Nase und Mund gepresst.
Die Resorption
Die Patienten inhalierten die Dämpfe. Da die Tropanalkaloide und Opiate lipophil sind, konnten sie über die Schleimhäute der Atemwege direkt in den Blutkreislauf gelangen und die Blut-Hirn-Schranke überwinden.
Die Reanimation
Nach Beendigung des Eingriffs wurde ein zweiter Schwamm, getränkt mit scharfem Essig, verwendet, um den Patienten zu wecken. Die chemische Reizung des Essigs wirkte als Weckreiz.
Die Schule von Salerno standardisierte erstmals die Quantitäten und die Zubereitungssequenzen von Medikamenten, was die Gefahr von Überdosierungen bei hochwirksamen Toxinen erheblich reduzierte. Das Antidotarium Nicolai enthält Rezepte für komplexe Mischungen wie „Athanasia“ und „Esdra“, die eine Vielzahl von narkotischen und adjuvanten Inhaltsstoffen kombinieren. Die standardisierten Maßeinheiten, die Nicolaus einführte, bildeten die Grundlage für eine sicherere Anwendung von Anästhetika in der Chirurgie.
INDIZ NUMMER 5
Auch andere sedierend und oder lokal betäubend wirkende Simplica tragen in der Voynich-Sammlung eine gemeinsame Didaktik. Sie tragen Operationsnähte.
Pergamentblätter von sedierend wirkenden Simplica (Pflanzen oder Mineralien) und Komposita sind oft genäht. Die Operationsnaht tradiert dabei die empfohlenene Nähtechnik zum Wundverschluss als visuelle Information.
INDIZ NUMMER 6
Deuten einige Pflanzen - als Trägerstoffe, Transmitter und Lösungsmittel - auf die hohe Kunst der Pharmakologie hin?
Das Voynich-Ensemble referiert auch Pflanzen, mit denen Wirkstoffe haltbar und dosierbar wurden. Solche, die die Anwendung wirkungsverstärkend unterstützen, die heilende Potenz lösten und katalysierten. Sie teilen sich entzündungshemmende und wirkverstärkende Eigenschaften. Aus unzähligen Simplica wurden Harze, Verbände und Lösungsmittel hergestellt.
Die Frauen von Salerno haben das Leben nicht nur durch Heilkräuter reguliert, sondern auch durch tradierte, chirurgische Selbstbestimmung, die sie im Voynich Manuskript codiert haben.
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Liegt unsere Blindheit gegenüber dem Voynich-Manuskript auch an der Glättung seiner Oberfläche?
In der weit verbreiteten Gesamtausgabe des Voynich-Manuskripts (Pache/Schmeh) wurden Pergamentnähte und Lochstellen redaktionell retuschiert.
Diese editorische Entscheidung ist aus Gründen der visuellen Vereinheitlichung nachvollziehbar, hat jedoch methodische Konsequenzen.
Materialspuren, die möglicherweise mit Nutzung, ethischer Verantwortung und Lerneinheiten einzelner Folios zusammenhängen, sind in der empfohlenen Edition nicht mehr sichtbar.
Da sich solche Nähte auf Folios mit potenziell chirurgisch relevanten Simplica oder Komposita häufen, entsteht hier ein bisher kaum reflektierter, neuer Blind Spot.
Die Narben des verlorenen Wissens sind Schlüssel ins System.
Openlution.org empfiehlt die digitale Datenbank der Yale Library als Quelle. Dort gibt es jedes Voynich-Folio, downloadbereit und auch kostenfrei in vielen Auflösungen und Dateitypen.
Letzte mutige Frage:
Warum fällt ein tradiertes System in einen Kodex?
Was passiert, wenn ein forschungsoffenes, intellektuelles Kollektiv von einem streng-katholischen Kolonialherren besetzt wird?
Wir rekonstruieren den psychologischen und politischen Mechanismus, der Frauen zwingt, Wissen in eine Codexform zu gießen. Während die Welt um sie herum in ein neues Macht- und Wissensregime, in ein Ungleichgewicht kippt. In eine seit 600 Jahren andauernde Unordnung.
Ein historischer Katalysator ist Ursache für die Voynich-Sammlung. Er markiert den Moment, in dem das Wissen flieht.
Es gibt in der Menschheitsgeschichte jene seltenen Momente, in denen ein Wissensraum oder ein gesamter Kulturkreis plötzlich nicht mehr sagen darf, was er weiß. Nicht weil er falsch, unklar oder gefährlich ist - sondern, weil ein dogmatisches Machtmodell darübergelegt wird. In Salerno geschah genau das.
Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts wurde das salernitanische Wissenssystem (empirisch, medizinisch erfahren, pharmakologisch präzise, anatomisch informiert, universell gelehrt, zyklusbewusst, kollektiv vererbt, frauengetragen) verdrängt.
Eine aragónische Belagerung führte in Süditalien ein streng-katholisches Machtsystem (dogmatisch, hierarchisch, schrift-orthodox, männlich dominiert, moralisch reguliert, körperfeindlich, theologisch gebunden, institutionell verankert, politisch geschützt) ein, mit Zentrum in Neapel und Unterstützung durch den Papst.
Das Wissen der Frauen von Salerno wurde erst belagert und dann überlagert. Eine 500-jährige Schultradition, die hoch entwickelte medizinische und pharmakologische Praxis und die kollektiven, gleichberechtigten Werte galten nicht mehr. Nicht, weil sie überholt oder stetig weiterentwickelt wurden. Nicht, weil sie in ihrer Funktion versagt haben. Nicht, weil sie eine natürliche Evolution erfahren haben.
Sie waren schlichtweg nicht mehr erlaubt. Das Archiv wurde stigmatisiert, fragmentiert und systematisch unterdrückt. Geburtenkontrolle und Chirurgie waren im neuen patriarchalen System undenkbar. Das salernitanische System wurde offiziell ersetzt, durch eine aragónische Ordnung, in der weibliche Identitiäten und Institutionen als moralisches Risiko verstanden wurden.
Was passiert, wenn kollektive Werte- und Wissenssysteme nach 500 Jahren der Praxis und Forschung plötzlich unterdrückt werden?
Sie fliehen in viele Dimensionen. Aber nicht nur räumlich, sondern auch formal. Wenn Kultur, Identität und Wissen unsagbar oder verfolgt werden, dann diffundieren sie in codierte Bilder. In Strukturen, Zyklen, Metaphern und Diagramme. Die Voynich-Sammlung zeigt, wie ein 500 Jahre altes System in eine neue Form gezwungen wurde. In ein komprimiertes Medium, das für die dogmatische Ordnung unklassifizierbar sein und bleiben sollte.
Die Autoritäten in Salerno taten das einzig Mögliche: sie übertrugen jede Information aus ihren Standardwerken in ein Voynich-Simplica. Jede Wurzel, jedes Blatt, jede Blüte, jede Glyphe zeigen, was schon in den originalen Handschriften steht. Sie legten den Circa Instans, den Tractatus de Herbis, die Trotula und den Antidotarium de Nicolai je Simplica übereinander und komprimierten diese Informationen. Sie schrieben ihre pharmakologischen Rezepturen, die geologischen und astronomischen Befunde durch interdisziplinäre Zwischenräume. Aus reiner Notwendigkeit. In höchster Reduktion auf Wirkung, Zeit und Ort. Und auch weil sie wussten: Auf das Wesentliche reduziert, offenbaren sich die Schlüssel.
Wie fällt ein gesamtes Wissenssystem in einen Kodex?
Auf das Voynich-Ensemble wirkten vier Kräfte. Der Verlust der Institution, der Verlust der öffentlichen Sprache, der Verlust der kulturellen Identität und auch der Verlust der Autorinnenschaft. Denn wenn ein Lernort fällt, fällt das Wissen ins Medium. Wenn Begriffe verboten und Archive in die Welt verkauft werden, dann wird Bildsprache Semantik. Und wenn Frauen nicht schreiben dürfen, zeichnet das gesamte Kollektiv anonymisiert.
Die Voynich-Sammlung ist das letzte Gefäß, das letzte Medium eines kollabierenden Wissenssystems.
Einer unterdrückten, kulturellen Identität. Eine Botschaft aus einem hochintelligenten, vergessenen Kollektiv.
Kannst du die Konstante des Wissens jetzt zurück verbinden?
Das interdisziplinäre Sein der Autorinnen und des salernitanischen Kollektivs wurde zwischen den Machtansprüchen der spanischen Kolonialherren und der aufstrebenden patriarchalen Ordnung zerrieben.
Und dann bebte 1456 die gesamte Region. Eine Naturkatastrophe mit mind. 30.000 Toten zerstörte alles, was durch die Besatzung noch nicht im Widerstand gebrochen war.
Das, zum großen Teil zerstörte Archiv enthielt noch verschmutzte und stark beschädigte Pergamente. Diese wurden notdürftig aufgearbeitet. Zu feuchte Stellen wurden entfernt. Ebenso alles was, die Zensur als zensurbedürftig einstufte.
Diese Fragmentierung zieht sich durch unzählige salernitanische Handschriften und Traktate.
Und dann tat das Patriarchiat etwas, worin es schon immer Spezialist war. Sie verkauften lose Fragmente als Kunst, als archäologische Schätze oder Sammlerstücke an Höchstbietende in der ganzen Welt.
Und seitdem erinnerte sich niemand mehr an eine Zeit, in der Frauen gleichberechtigt und selbstbestimmt wirkten.


















