Das Castello di Arechi beansprucht den Status als Zeitzeugin.
Die Burg Arechi erinnert vom höchsten Punkt in Salerno an die Geschichte und die Autoritäten der Civitas Hippocratica.
Wer von Salerno Ansichten kennt, erlebt die Burg oft nur aus einer Perspektive, mit Blick von unten nach oben. Von der See aus betrachtet. Wie sie sich über der Stadt erhebt, auf einem Rücken aus Stein. Nur Wenige nehmen den Weg auf sich, zum Castello nach oben zu steigen und die Geschichte aus der Perspektive der salernitanischen Autoritäten zu erleben.
Dabei zeigt das Castello die Arechi noch heute das visionäre Rückgrat eines multikulturellen Kollektivs. Ein Rückgrat, das trotz regelmäßiger Machtwechsel und sich stetig wiederholenden Naturkatastrophen erst durch ein Superbeben im Jahre 1456 endgültig gebrochen werden konnte.
Wie oft zeigt der Blick des Autors die wahre Perspektive?
Das ist zum Beispiel eine der Fragen, die sich die Miniaturen des Pietro da Eboli immer wieder stellen.
Die Burg von unten. Die Burg als Silhouette, die Burg als letzter Zufluchtsort. Eine zinnenbewährte Burg für ein selbstbestimmtes und intellektuell wehrhaftes Kollektiv.
Aus dem "Liber ad Honorem Augusti"
Hoch oben auf der Burg, im Castello di Arechi werden in der Museumsausstellung Miniaturen gezeigt, die aus dem „Liber ad Honorem Augusti“ stammen. Dieses Werk wurde Ende des 12. Jahrhunderts von einer salernitanischen Autorität verfasst. Sein Name war Pietro da Eboli.
Das Werk enthält neben 53 Miniaturen auch 1.673 Verse. Heute wird es in der Stadtbibliothek von Bern (Cod. 120) aufbewahrt.
Als Digitalisate stehen die 55 Blätter im vollen Umfang auch der Öffentlichkeit kostenfrei zur Verfügung.
Die Kulisse der Geschichte
Als Kulisse für einige historische Episoden diente Pietro da Eboli das heimische Salerno. Er malte das Schloss von Salerno und auch den „Turris Maior“ auf dem Gipfel des Monte Bonadies. Er zeigte das Profil des Doms mit dem Glockenturm und auch das Schloss von Terracena. Letzteres wurde von Roberto il Guiscardo - vermutlich nach der Eroberung der Stadt Salerno am 13. Dezember 1076 - errichtet.
Unsere Folioauswahl aus dem Werk von Pietro da Eboli zeigt:
Die Kaiserin Konstanze trifft in Salerno ein, denn ihre Anwesenheit wurde von den Anhängern des staufischen Hauses erbeten.
Die Salernitaner, im Herzen normannenfreundlich, empfanden die Anwesenheit der Kaiserin als Zumutung. Mit Aufständen zwangen sie die Kaiserin, sich ins Schloss Terracena zurückzuziehen. Dort eingeschlossen, versuchte sie mit anderen Würdenträgern den Aufstand der Salernitaner zu unterdrücken.
Schlussendlich sah sich Konstanze gezwungen, die Stadt zu verlassen. Eskortiert von Elia di Gisualdo wurde sie nach Sizilien gebracht, um an Tankred ausgeliefert zu werden.
Die Miniaturen zeigen auch, wie Heinrich VI. später nach Salerno zurückkehrt, um die Schmach an der Kaiserin Konstanze zu rächen.
Die dargestellte Galeere, die auf einer der Tafeln abgebildet ist, stellt ein außergewöhnliches Dokument der salernitanischen Seefahrt des Mittelalters dar. Die Miniaturen spiegeln auch das vielfältige Ökosystem des Thyrrhenischen Meeres und des Mittelmeeres auf dem Seeweg nach Sizilien wieder. Und sie zeigen eindrücklich, wie die salernitanische Architektur Zinnen trägt.
Pietro da Eboli wird heute noch erinnert.
Medico & Poeta
XII-XIII Secolo
Pietro da Eboli war Dichter und Mediziner in Salerno, sein Werk "Liber ad Honorem Augusti" entstand innerhalb von zwei Jahren (ab 1195) und bündelt drei Bücher.
Der aus Eboli (Provinz Salerno) stammende Zeitgeist schildert in dem lateinischen Versepos den Übergang von der Età normanna zur Epoca sveva.
Denn im Jahre 1194 wurde das normannische Königreich Sizilien unter Heinrich VI. nun Teil des staufischen Reiches.
Die ersten beiden Bücher des "Liber ad Honorem Augusti" behandeln die Vorgeschichte und die staufische Eroberung.
Das dritte Buch ist ein Lobgedicht auf Kaiser Heinrich VI. und seine Gemahlin Konstanze, die Tochter und Erbin König Rogers II. von Sizilien.
Wer noch mehr vom Medico & Poeta Pietro da Eboli entdecken will, dem sei mit einem Augenzwinkern auch das Werk "De balneis Puteolanis" empfohlen.
Die Stadt Salerno erinnert heute noch mit einem Stolperstein an die salernitanische Autorität, welche den Ort um den Bonadies so facettenreich in einem erneuten Machtwechsel darstellte.
Wie sieht der Ort heute aus, 800 Jahre nachdem er von Pietro da Eboli gezeichnet wurde?
Und welchen Blick hat die salernitanische Autorität von der Burg, dem Castello di Arechi, aus genossen?
Während er der Welt mit seinen Miniaturen ausschließlich die Hafenperspektive von Salerno schenkte?
Wir waren für Dich an einem lauen Märzabend 2026 auf der Burg und haben dort die wenigen, verbliebenen Zinnen in der Abendsonne dokumentiert.
Und auch die alte Stadtmauer, die sich kaum erkennbar durch den Wald unterhalb der Burg und entlang des Gartens, dem Giardino della Minerva, abzeichnet.
Wir haben Alumen-Blüten im Mauerwerk gefunden. Wir sind über eine ausgehärtete, blau-grüne Draganto-Ader auf einer Treppenstufe gestolpert und haben verblasste Wandmalereien auf dem verwitterten Mauerwerk entdeckt.
Wir haben unfertige Skizzen in Stein, für ein nie beendetes Relief, dokumentiert. Und archäologische Funde mit einer eineindeutigen Bildsprache.
Aber dazu im nächsten Beitrag mehr. Jetzt schauen wir erst mal durch die Augen der salernitanischen Autoritäten, mit einen Rundumblick vom höchsten Punkt des Bonadies aus. Und durch die beständigen Mauern des Castello di Arechi auf die vergessene Civitas Hippocratica.
Die Byzantinische Zeit (6.–7. Jahrhundert)
Der ursprüngliche Kern der Burg geht auf den Gotenkrieg (535–553) zurück, als die Byzantiner die Verteidigung von Salerno durch den Bau eines Castrums (Befestigung) auf dem Gipfel des Bonadies verstärkten.
Aus dieser Zeit stammen Spuren von Trockenmauern und eines Wachturms als Zeugnisse einer rein defensiven Funktion, die darauf ausgerichtet war, die Küste und die Zugangswege zur Stadt auf Sicht zu kontrollieren.
Die Langobardische Zeit unter Adelperga & Arechi II. (8. Jahrhundert)
Arechi II. (758–787), Herzog und später Fürst von Benevent, wählte Salerno als seine bevorzugte Residenz und machte es zum „opulentissima Salernum“ (dem überaus reichen Salerno).
Aber wer brachte den Glanz nach Salerno, den Intellekt, die Kunst? Eine Norditalienerin: Adelperga, Tochter des Königs Desiderius, erinnert als eine Frau von großer Bildung und Beschützerin von Gelehrten wie Paulus Diaconus.
Gemeinsam verwandelten Adelperga und Arechi II. die Burg in eine befestigte Residenz, ein Symbol der langobardischen Macht in Süditalien.
Die Normannische Zeit unter Sichelgaita & Roberto il Guiscardo (11. Jahrhundert)
Mit der Ankunft der Normannen im 11. Jahrhundert erlebte die Burg eine neue Blütezeit.
Roberto il Guiscardo, der „Schrecken der Welt“, heiratete in zweiter Ehe Sichelgaita, eine langobardische Prinzessin von Salerno.
Sichelgaita war aber weit mehr als nur Prinzessin oder Ehefrau von Guiscardo. Sie war eine Kriegerin, die an der Seite ihres Mannes in Schlachten zog.
Sie war eine hochgebildete Frau, spätere Expertin für Medizin an der Scuola Medica. Sichelgaita verstand es auch, zwischen dem alten langobardischen Adel und den neuen normannischen Eroberern zu vermitteln. Sichelgaita wird zur Brücke.
An welche Autoritäten erinnert sich die Civitas Hippocratica noch?
Während man vom Hafen aufwärts durch die engen Gassen vorbei am Duomo & der Scuola Medica zum Garten der Erinnerung steigt?
Entlang auf verblassten Spuren eines vergessenen Kollektivs. Den Weg hinauf zum Castello di Arechi.
Die salernitanischen Autoritäten werden auf den historischen Laufwegen der Scuola Medica Salernitana in Form von Stolpersteinen im mittelalterlichen Stadtkern erinnert. Wir haben versucht, alle Steine der "Memoriale dei Medici della Scuola Medica Salernitana" zu sammeln. Wir haben 49 Autoritäten identifiziert. Und wir haben die Gelehrten für dich nach dem Jahrhundert ihrer Wirkung sortiert, um die Dimensionen einer kollektiven Autorenschaft zu visualisieren.
Denn, das Ende der Ära der Scuola Medica Salernitana zeichnet die Voynich-Sammlung in Erinnerung derer, die Ihnen vorausgegangen sind.
Ahnst du langsam, wie viel Wissen der Scuola Medica wirklich in den letzten 600 Jahren fragmentiert wurde? Und seitdem nur noch isoliert voneinander in global verstreuten Archiven existiert? Oft unter neuer Autorenschaft oder als unbekannt klassifiziert?
Das Acquedotto Medievale und der Mythos der 4 Meister
Bevor wir wieder hoch zum Castello di Arechi aufsteigen, um dort weiter nach den Spuren der Kriegerin & Medizinerin Sichelgaita zu suchen, müssen wir noch kurz an einem besonderen Ort verweilen.
Genau hier, wo einer Legende nach Alles begann.
Hier, unter den gewaltigen Bögen eines mittelalterlichen Aquädukts, im Volksmund auch als "Archi dei Diavoli" bekannt.
Das Aquädukt war integraler Bestandtteil der Scuola Medica Salernitana, sowohl in der Wasserversorgung der Heilstadt als auch im ureigenen Gründungsmythos.
Dieses Bauwerk ist das steinerne Fundament und ein Zeitzeuge einer Legende, die Salerno für Jahrhunderte als Civitas Hippocratica etablieren wird.
Die Legende der 4 Kulturen
Die Sage erzählt, dass sich unter diesen Bögen während eines schweren Unwetters vier Männer trafen, die alle Schutz suchten. Sie begannen sich zu unterhalten und stellten fest, dass sie alle Heiler waren, obwohl sie aus völlig unterschiedlichen Welten stammten.
Adala der Araber, Pontus der Grieche, Elinus der Jude & Salernus der Lateiner beschließen unter diesem Aquedukt, ihr Wissen miteinander zu teilen und etwas Größeres als die Summe aller Teile zu schaffen.
Aus diesem "Zusammenfluss" der vier großen Kulturkreise des Mittelalters entstand im 9. Jahrhundert die Scuola Medica Salernitana.
Die Wächterin von Oben: Sichelgaita wird zur Brücke des Wissens und der Erinnerung
Medico & Principessa
XI Secolo (1036-1090)
Wenn man das erste Mal vor dieser Kulturgeschichte der vergessenen Autoritäten steht und alles mit eigenen Händen berühren kann, dann wird einem ganz mulmig.
Es ist die Summe von Jahrhunderten, in denen Salerno das medizinische Herz Europas war. Doch dieser Moment enthüllt noch etwas anderes: Eine intellektuelle Vielfalt, die wir im Voynich-Manuskript wiederfinden.
In Salerno stolpert man über mehr als nur Namen auf Steinen tradierter Wege oder Sagen um Aquädukte. Hier findet man medizinische Fachgebiete, die sich wie ein roter Faden durch eine gemeinsame Geschichte ziehen. Sie berühren die Toxikologie der Principessa Sichelgaita und die Gynäkologie von Trotula. Sie zeigen die Chirurgie der Francesca und Costanza, die Augenheilkunde der Clarice oder die Uroskopie von Rebecca.
Das sind die Strukturen von Frauen, die das Vermächtnis eines interkulturellen Medizinarchivs sammelten, weiterentwickelten und mutig beschützten.
Aber wo begann diese Tradition? Wo fand dieses weibliche Wissen seinen ersten, wehrhaften Ausdruck?
Die Antwort findet man seit dem 11. Jahrhundert in den Gassen Salernos bis hoch ins Castello di Arechi. Und besonders dort, wo die Mauern am dicksten sind, führte eine Frau, die wie keine andere die Verbindung von Weisheit, Wissen, Verteidigung und medizinischer Expertise verkörperte:
Sichelgaita von Salerno. Sie ist die Brücke und neben Trotula auch eine der ersten dokumentierten Medizinnerinnen der Scuola Medica Salernitana.
Wie viel Prinzessin steckte in Sichelgaita?
Wie nahe stand sie Trotula de Ruggiero und was machte sie zum Fundament der Stadt der Frauen von Christine de Pizan? Wer teilte sich ein Stück des Lebensweges mit der medizinisch-erfahrenen Kriegerin? Und wer ging ihr voraus, um den Grundstein für Frauen in der Medizin zu legen?
Das Castello di Arechi erinnert in seinem heutigen Burgzugang an Sichelgaita und fünf weitere Autoritäten der Civitas Hippocratica. In der Gemeinschaft dieses Kollektivs findet man die Kultur des Ortes und seine Historie. Schauen wir uns die Autoritäten nun etwas genauer an.
Adelperga & Principe Arechi II.
Arechi II. war ein langobardischer Herzog. Ab 758 nach Christus war er der Herzog von Benevent und ab 774 war er bis zu seinem Tode auch Prinz desselben Herzogtums. Seine Lebenszeit als Prinz verbrachte Arechi II. allerdings nicht im Benevent. Ab dem Jahr seiner Titelannahme lebte er in Salerno, in einem von ihm erbauten Palast.
Salernos heutige Identität wurde mit Prinz Arechi geboren. Nach dem Sieg von Karl dem Großen im Jahr 774 und dem Ende der Langobardia Major verlegte Arechi II. seinen Hofstaat nach Salerno. Er errichtete einen Wachturm, den Turris Maior, auf dem Berg Bonadies. Dort, wo heute das Castello di Arechi steht.
Und Arechi war es auch, der die Palastkapelle San Pietro a Corte errichten ließ, die noch heute besichtigt werden kann und ein Zeugnis der multikulturellen Vergangenheit Salernos ist.
Arechi II. verstand sich als Förderer und Beschützer der Kultur. Sein Verdienst ist es, dass er in ganz Süditalien einen Einheitsstaat gründete, der das Erbe der griechischen und lateinischen Traditionen antrat.
Arechi II. war der Mann der gelehrten Fürstin und Architektin des Geistes der künftigen Civitas Hippocratica. Adelperga war auch Tochter des letzten Langobardenkönigs Desiderius. Sie brachte den Glanz und den Intellekt des Nordens mit nach Salerno. Sie war auch die Schülerin des berühmten Gelehrten Paulus Diaconus, der ihr sogar seine Historia Romana widmete.
Adelperga war die treibende Kraft hinter dem „opulentissima Salernum“. Während Arechi die Mauern verstärkte, füllte sie diese mit Geist. Sie verwandelte das Castello von einem reinen Militärposten in einen Ort der Künste und Wissenschaften. Es heißt, sie habe Paulus Diaconus erst dazu inspiriert, die Geschichte der Langobarden aufzuschreiben.
Adelperga verkörpert den Typus der „Gelehrten Herrscherin“, die nur ein Jahrhundert vor der Gründung der Medizinschule bereits ein Klima der Bildung schuf. Sie ist die geistige Ahnfrau jener Frauen, die später als Mulieres Salernitanae Weltgeschichte schreiben sollten. Ohne Adelpergas Förderung der freien Künste wäre der Boden für die spätere Wissenschaft in Salerno nie so fruchtbar gewesen.
Capella Palatina di San Pietro a Corte
Sichelgaita & Roberto il Guiscardo
Roberto von Altavilla, genannt Guiscardo, war der erste normannische Prinz von Salerno. Der sechste Sohn von Tancredi kam nach Italien, um als Söldner mit seinen Brüdern zu kämpfen. In nur wenigen Jahren eroberte er einen Großteil des Südens.
In zweiter Ehe heiratete er die Prinzessin Sichelgaita von Salerno. Durch die Verbindung der Beiden erlebte Salerno ein goldenes Zeitalter. Die medizinische Fakultät von Salerno begann sich dank des Zustroms von Gelehrten aus verschiedenen Kulturräumen als wichtige Institution zu etablieren.
Die Chroniken beschreiben Principessa Sichelgaita als "edel, ehrlich, bescheiden, männlich im Geiste und ausgestattet mit weisen Ratschlägen". Sie war eine Frau von großer Kultur und Charakter und in der Lage, ihre Persönlichkeit am Hof zu behaupten sowie einen positiven Einfluss auf ihre Mitmenschen auszuüben.
Sichelgaita nahm aktiv an militärischen Schlachten an der Seite von Roberto teil. Schon als junges Mädchen zeigte sie eine besondere Einstellung zum Studium der Medizin und Kräuter und erwarb durch ihre Studien an der medizinischen Fakultät von Salerno, einen Titel, der sie als Exzellenz auf dem medizinisch-wissenschaftlichen Gebiet der Stadt Salerno auszeichnete.
Während Sichelgaita die Medizinentwicklung vorantrieb und eine außerordentliche Anzahl Gelehrter aus dem gesamten Mittelmeerraum um sich vereinigte, erweiterte Guiscardo die Burg und baute auch das, was heute "die Bastille" genannt wird. Das neue Gebäude diente dazu, die Bewegungen zu kontrollieren, die nicht direkt von der Burg aus überschaubar waren. Heute leider nicht mehr im Stadtbild sichtbar vorhanden, ist das Schloss "Castel Terracena", das ebenfalls durch Robertos Hand errichtet wurde.
Der Bauherr vom Duomo di San Matteo
Ein architektonisches und vor allem interkulturell herausragendes Meisterwerk ist der Duomo di San Matteo, der auch in der Zeit von Sichelgaita & Roberto il Guiscardo erbaut wurde.
Im Duomo lassen sich noch heute in der Architektur all die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse der Griechen, Araber, Juden, Normannen, Langobarden und Römer in der Provinz Salerno erleben.
Und hier ruht auch der Papst Gregorio VII. Er war der einzige Papst, der außerhalb des Vatikans seine Ruhestätte fand, weil er seinen Lebensabend im Exil verbrachte. Wir gehen später näher auf ihn ein.
Und Gregorio VII. befindet sich im Duomo in heiliger Gemeinschaft mit den Reliquien von einem der zwölf Jünger von Jesus Christus. Matteo verfasste das erste Evangelium im neuen Testament. Seine sterblichen Überreste ruhen in der barock verzierten Krypta direkt unter dem Hauptaltar der Kathedrale. Die Reliquien wurden bereits im Jahr 954 nach Salerno gebracht, nachdem sie zuvor in der antiken Stadt Paestum (manche Quellen vermuten auch Capaccio) aufbewahrt worden waren. In die heutige Krypta wurden sie im Jahr 1084 nach der Fertigstellung des Doms durch den Normannenfürsten Roberto Guiscardo und die salernitanische Principessa Sichelgaita überführt.
Cattedrale di Salerno
Il Duomo di Salerno e la Parrocchia Santi Matteo e Gregorio Magno
Trotula de Ruggiero
Medico
XI Secolo
Auch Trotula de Ruggiero wird im Eingang zur Burg erinnert, als eine italienische Ärztin, die Seite an Seite mit Sichelgaita im elften Jahrhundert an der medizinischen Fakultät von Salerno tätig war. Ihr wird, wenn auch mit einiger Kontroverse, der Traktat "DE PASSIONIBUS MULIERUM ART IN ET POST PARTUM" zugeschrieben, der die Geburt der Geburtshilfe und Gynäkologie als medizinische Wissenschaft markiert.
Trotula ist die bekannteste der Mulieres Salernitanae, d.h. sie gehört zu jener Gelehrtenrunde, die in der medizinischen Fakultät von Salerno lehrte und auch als Medizinerin aktiv tätig war. Ihre Person war im Mittelalter in ganz Europa bekannt, insbesondere für Studien im Zusammenhang mit der Frauenheilkunde. Tatsächlich wird Trotulas Arbeit noch immer unterschätzt und oft nur auf die Verbesserung des weiblichen Lebensstandards durch die Förderung der Bedeutung von Hygienepflege, richtiger Ernährung und täglicher körperlicher Aktivität reduziert.
Warum wir auf Openlution.org bisher zur Beweisführung noch nie das Standardwerk von Trotula de Ruggiero zitiert haben?
Weil wir Trotulas gynäkologische Expertise bereits in jedem zweitem Simplica des originalen "Circa Instans" finden, mit konkret zykluswirksamen und medizinischen Zwecken. Wir finden Trotulas Expertise später auch in den Komposita im "Antidotarium Nicolai" und noch später im "Tractatus de Herbis". Die hohe Dichte an frauenheilkundlicher Kompetenz kommt dabei auch rechnerisch ganz ohne (die bisher oft zitierten) Kosmetik- & Schönheitstipps oder balneologische Anwendungen aus.
Unsere Datenbank zeigt auf eine Fülle von frauenheilkundlichem Fachwissen und eine noch größere Medizingeschichte von Frauen für Frauen, durch alle Traktate in Salerno hinweg. Aber diese Geschichte erzählen wir ausführlich bei nächster Gelegenheit.
Wegbegleiter von Trotula de Ruggiero & Sichelgaita an der Scuola Medica Salernitana. Sie alle wirkten im selben Jahrhundert.
Alfano I.
Medico - Poeta
Arcivescovo di Salerno - XI Secolo
Cofone il Vecchio
Medico - XI Secolo
Constantino L'Africano
Medico - XI Secolo
Garioponto
Medico - XI Secolo
Giocanni Afflacio
Medico - XI Secolo
Giovanni Plateario
Medico - XI Secolo
Petrocellus
Medico - XI Secolo
Giovanni Plateario il Giovane
Medico - XI-XII Secolo
Matteo Plateario Il Vecchio
Medico - XI-XII Secolo
Niccolo' Salernitano
Medico - XI-XII Secolo
Pietro Barliario
Medico - Alchimista - XI-XII Secolo

Gab es noch mehr Wegbegleiter der Medizinschule, die im 11. Jahrhundert tiefe Spuren in der Civitas Hippocratica hinterließen?
Alfano I. als Architekt neuer Allianzen und Symbiosen
Arcivescovo di Salerno, Medico & Poeta
XI Secolo (1015 - 1085)
Alfano wurde zu Beginn des 11. Jahrhundert in Salerno geboren. Bewundert für seine hohe Kultur und als einer der wichtigsten Benediktiner geschätzt, lehrte er als Mediziner aktiv an der Scuola Medica Salernitana.
Alfano I. galt als ein Universalgenie, Lyriker und politischer Stratege und er war von 1058–1085 auch Erzbischof. Als Benediktinermönch brachte er aus Monte Cassino die Übersetzertradition mit.
Er holte die griechischen Texte von Galen & Hippokrates zurück und bewies, das Medizin eine Wissenschaft ist, die Gott wohlgefällig sei. Er nahm dem forschenden Kollektiv die Angst vor der Kirche und legitimierte auch das antike Medizinwissen.
Er gilt als geschickter und raffinierter Schriftsteller sowie als bester Lyriker des elften Jahrhunderts. Er ist der Autor vieler Werke, darunter "De Pulsis", "Experiementa Archiepiscopi Salernitani" und auch "De quattuor humaribus corporis".
Alfano liebte die Ordnung und die Naturphilosophie. In vielen seiner Schriften geht es um präzise Naturbeobachtungen, die Balance der Säfte und tiefe Spiritualität. Diese Themendiversität ist eine Alfano-typische Signatur in der salernitanischen Tradition.
Er nahm aber auch an den Laterankonzilen von Melfi und Benevent teil, wo über Häresien, über Laster des Klerus, über Reformen und über die Rechte des Papsttums gestritten wurde.
Alfano I. wird als ein enger Vertrauter von Sichelgaita erinnert. Es ist fast sicher, dass er ihr intellektueller Mentor war. Er schuf das theologische und wissenschaftliche Fundament, das es Frauen erlaubte, offiziell als „Mulieres Salernitanae“ zu lehren. Ohne seinen Segen als Erzbischof hätten die Frauen von Salerno vor 900 Jahren niemals diese Autorität und wissenschaftliche Exzellenz erlangt. Alfano war Zeuge und Wegbereiter.
Glauben, Wissenschaft und Medizin sind bis zur Marginalisierung der Scuola Medica Salernitana vor 600 Jahren keine Widersprüche. In der Civitas Hippocratica gingen sie Symbiosen ein.
Das Castello di Arechi erinnert auch an Gregor VII. als unbeugsamen Reformer im Exil
Ildebrando von Soana wurde 1020 in der Toskana geboren. Im Alter von 26 Jahren wurde er Mönch in Cluny. 1073 nahm er als Papst den Namen Gregor VII. an. Er galt jahrelang als Protagonist des großartigen Werkes der Reinigung der Kirche, heute als "Gregorianische Reform" bezeichnet.
Er kämpfte gegen Korruption und darum, die Kirche unabhängig vom Kaiser zu machen. Dazu erließ er den "Dictatus Papae" von 1075. Gregorio ist mit dem Gang nach Canossa und für seinen Konflikt mit Kaiser Heinrich IV. in die Geschichte eingegangen. Er war der Papst, der die Kirche von weltlicher Einmischung befreien wollte. Doch seine visionären Reformen hatten ihren Preis. Nachdem er den Vatikan verlassen musste, fand er Zuflucht bei den Normannen in Salerno.
Unter dem Schutz von Roberto il Guiscardo und Sichelgaita verbrachte er seinen Lebensabend in der Stadt. Gregorio VII. war es, der 1085 den prächtigen Dom von Salerno weihte. In diesem Dom liegt er bis heute begraben – als einziger Papst des Mittelalters außerhalb von Rom oder Avignon. Sein Epitaph ist legendär und zeugt von seinem ungebrochenen Geist:
„Ich habe die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht gehasst; deshalb sterbe ich in der Verbannung.“
Er bezeugte mit seinem Leben, dass kirchliche und soziale Aufgaben nicht nur den Privilegierten, sondern auch Menschen bescheidener Herkunft zugänglich sein sollten. Gregor VII. schrieb seine letzte Enzyklika im Kloster St. Benedikt, in dem er die Kirche "frei, keusch, katholisch" sah. Er starb in Salerno im Exil, in einer Stadt, die ihn bis heute im gesamten historischen Stadtkern lebendig erinnert.
Gregors Anwesenheit in Salerno zeigt die enorme Bedeutung der Stadt. Dass ein Mann seines Formats Salerno als seinen letzten Zufluchtsort und geistiges Zentrum wählte, unterstreicht den Status der Stadt als sicheren Hafen für Visionäre.
Gregor VII. bezeugte im 11. Jahrhundert eine Ära, in der Frauen wie Sichelgaita und Trotula als mutig-forschende Wissensträgerinnen und Beschützerinnen unverzichtbar waren. Er sah die Stadt zum "Leuchtturm der Wissenschaft" aufblühen, in der Anwesenheit von Gelehrten aus dem gesamten Mittelmeerraum, in einem interkulturellem Kollektiv aus Frauen und Männern.
Während Gregor VII. die Civitas Hippocratica förderte, wird ein anderer Papst im 15. Jahrhundert das Ende von Frauen in den Wissenschaften, insbesondere sogar in der Medizin, markieren.
Innozenz VIII. wird zum Mann der Bulle "Summis desiderantes affectibus", die 1484 den Weg für den „Hexenhammer“ (Malleus Maleficarum) ebnete.
Dieser historische Moment am Ende des 15. Jahrhunderts repräsentiert das Ende der gleichberechtigten Wissenschaften und markiert den Beginn der systematischen Verfolgung weiblicher Gelehrter und ihres Wissens.
Die Dunkelheit, die mit Männern wie Innozenz VIII. über Europa hereinbrach, war keineswegs ein naturgegebener Zustand.
Es gab eine Welt davor. Eine Welt, in der Wissenschaft und Weiblichkeit keine Widersprüche waren. Eine Zeit, in der empirische Forschung und ein gemeinsames interkulturelles Werteverständnis auch im Glauben eine kraftvolle Symbiose bildeten.
Die Königin
der Königinnen.
Sie verbindet Alfano I. und Gregor VII. im Duomo di Salerno und erinnert unter einem Regenbogen an die Civitas Hippocratica und das interdisziplinäre Kollektiv.










































































































































































































